Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Zur Übersicht Helmut Oberst | 20. April 2019

Ein guter Weg, sich Franz Kafkas Werk zu erschließen, führt über die Lebensgeschichte dieses Menschen, der in allem das Äußerste wollte, der die Grenzen der menschlichen Existenz ausgelotet und als Seismograf unter Presslufthämmern gelebt hat.

Wo und wie ist Kafka aufgewachsen? Welche Umstände haben seine Persönlichkeit geprägt? Was hat davon Niederschlag gefunden in labyrinthhaften Erzählungen, widersinnig scheinenden Parabeln und in drei Roman-Fragmenten, die einem manchmal das Gefühl vermitteln, im falschen Film zu sein oder schlecht geträumt zu haben?

Die Beantwortung solcher Fragen bildet – neben den Tagebüchern – einen wichtigen Schlüssel zu Kafkas Werk und macht den Blick frei auf einen Schriftsteller, für den Schreiben nach eigener Aussage eine Form des Gebets war.

Zu Franz Kafkas Lebzeiten wurden einige Erzählungen wie „Das Urteil“, „Der Heizer“, „In der Strafkolonie“ und „Die Verwandlung“ sowie die beiden Erzählbände „Betrachtung“ und „Ein Landarzt“ zunächst bei Ernst Rowohlt und in dessen Nachfolge beim aufstrebenden Kurt-Wolff-Verlag, teilweise auch als Pressebeiträge veröffentlicht – mit denkbar geringer Resonanz außerhalb literarischer Kreise. Von Kafka autorisiert war auch der Band „Ein Hungerkünstler“, an dessen Druckbogenkorrekturen er noch am Tag vor seinem Tod gearbeitet hat. Die drei Romanfragmente „Der Verschollene (Amerika)“, „Der Prozess“ und „Das Schloss“ wurden von Kafkas Freund Max Brod unter schwierigsten Bedingungen erst nach Kafkas Tod veröffentlicht – entgegen dessen Verfügung, den Nachlass zu vernichten. Erst nach diesen Veröffentlichungen erschienen die ersten Versuche, Kafkas Werk literarisch zu bewerten und einzuordnen.

Die 1935 in Berlin erschienenen „Gesammelten Schriften I–IV“, die entsprechend den NS-­Gesetzen nur an jüdische Leser abgegeben werden durften, hatten ebenso wenig Erfolg wie die drei Romanfragmente. 1937 erschienen zwei weitere Bände der „Gesammelten Schriften“ in Prag. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938/39 wurden Archive vernichtet, Freunde und Verwandte Kafkas während der faschistischen Herrschaft in Todeslager verschleppt und ermordet. Und den stalinistischen Nachfolgern der Nazis passte Kafkas Kunst nicht in die Zwangsjacke des sozialistischen Realismus.

So kam es, dass die Kafka-Rezeption im deutschsprachigen Raum nach 1938 abriss, Kafkas Dichtung zuerst durch englische und französische Übersetzungen in der Welt Verbreitung fand und sein Werk – das im geistfeindlichen Hitlerreich als entartet galt – in Deutschland erst weit nach 1945 einem größeren Publikum bekannt geworden ist. Umso umfangreicher sind die Deutungsversuche und die Aspekte, unter denen seine Schriften bis heute durchleuchtet werden.

Kafkas Nachlassverwalter Max Brod hat die religiöse Dimension der Kafka-Deutung betont, indem er auf typisch jüdisches Gedankengut im Werk des Freundes hinwies. Auch der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat einiges zu dieser Sicht der Dinge beigetragen. Daneben haben Philosophen wie Albert Camus und Jean-Paul Sartre in Kafkas Schriften ihre existenzialphilosophischen Anschauungen gespiegelt gesehen, während Soziologen Kafka auch heute noch unter gesellschaftskritischen Gesichtspunkten interpretieren. Am zugänglichsten scheinen mir allerdings jene Darstellungen zu sein, die den biografischen Wurzeln im Werk nachspüren. Sehr interessant sind auch psychologische Deutungen. Wo man auch hinschaut: Sinnsuche ohne Ende! Kafka selbst weist mit Bezug auf die Erzählung „Das Urteil“ darauf hin, dass die innere Wahrheit einer Geschichte sich niemals allgemein feststellen lasse, sondern immer wieder von jedem Leser von neuem zugegeben oder geleugnet werden müsse.

In „Kafka kennen lernen“ werden einige Werke Franz Kafkas kurz vorgestellt. Ergänzt wird diese Auswahl durch Hinweise auf verschiedene Interpretationsansätze und typische Themen und Motive. Ideal für den Literatur-Unterricht der Sekundarstufe II und auch eine wertvolle Grundlage für das Erstellen von Präsentationen und Referaten sowie zur Vorbereitung auf das Abitur. Hier gibt es das Werk: https://www.netzwerk-lernen.de/Deutsch/Kafka-kennen-lernen::9145.html